Brief des VDA-Präsidenten zum Thema

Wildtierimportverluste

an Dr. Gebhart/CDU

 


Quelle: vda-aktuell.de

 

 

 

In einem Gespräch beim BNA äußerte sich der Bundestagsabgeordnete Dr. Gebhart (CDU) mit den Worten

 


„Wenn die SPD Bundestagsabgeordneten bei der Formulierung der Forderung nach einem grundsätzlichen Importverbot von Wildfängen diese Informationen vorliegen gehabt hätten, würde es zu dieser Forderung gar nicht erst gekommen sein!“
Diese Äußerung war auf der Web-Seite von JBL unter der Überschrift "Eine seltene Spezies: Politiker, die zuhören." zu lesen. Eine der seltenen Gelegenheiten für den VDA, direkt mit einem Brief an Herrn Gebhart zu antworten. Der Brief ist nachfolgend zu lesen:

 

 

 

 

Dr. Thomas Gebhart, MdB
Deutscher Bundestag
Platz der Republik 1
11011 Berlin

Betreff: Eine seltene Spezies: Politiker, die zuhören. Ihre Aussagen anlässlich Ihres Besuchs beim BNA am 5. Dezember 2013

Sehr geehrter Herr Dr. Gebhart,
Unter der Überschrift "Eine seltene Spezies: Politiker, die zuhören." wurden Sie auf der Seite der Firma JBL (http://www.jbl.de/de/unternehmen/news/502/eine-seltene-spezies-politiker-die-zuhoeren) zuletzt abgerufen am 11. Januar 2014) mit den Worten

„Wenn die SPD Bundestagsabgeordneten bei der Formulierung der Forderung nach einem grundsätzlichen Importverbot von Wildfängen diese Informationen vorliegen gehabt hätten, würde es zu dieser Forderung gar nicht erst gekommen sein!“

zitiert. Diese Aussage hätten Sie, nach den Angaben von Herrn Blessin, Mitarbeiter der Firma JBL, am 05. Dezember 2013 in den Räumen des BNA (Bund für Natur- und Artenschutz) in Hambrücken (Pfalz) ausgesprochen.

Nun werden wir, der Verband Deutscher Vereine für Aquarien - und Terrarienkunde e.V. gegr. 1911 (VDA) nicht durch den BNA vertreten, haben aber selbst mit den für den Tierschutz in den Fraktionen verantwortlichen Abgeordneten aller Parteien vor der Wahl über die Situation in unserem Hobby und die Anträge von B90/Die Grünen und der SPD gesprochen und dabei auch versucht, auf wissenschaftlicher Grundlage über den Inhalt dieser Anträge zu diskutieren. Dabei kam auch von uns zum Ausdruck, dass die vor allem von der Organisation Pro Wildlife verbreiteten Annahmen1) über die Sterblichkeit von Zierfischimporten

" … Fang, Hälterung und Transport aus Südamerika sind verlustreich: Bis zu 70 Prozent der gefangenen Fische sterben noch vor Ankunft beim Endkunden …"

eindeutig zu hoch gegriffen sind. Als Biologe und Wissenschaftler sowie als Tierschutzbeauftragter der Humboldt-Universität zu Berlin und mehr noch, als privater Halter und Züchter von Aquarienfischen, bin ich an der Verbesserung des Tierschutzes interessiert und habe deshalb diese Aussagen in der zitierten Quelle2) überprüft. Ich konnte jedoch die Aussagen von Pro Wildlife nicht bestätigt finden. Die im Text von pro Wildlife1) zitierte Arbeit2) selbst zitiert wiederum zwei Arbeiten3,4), welche ebenfalls keine auf einer wissenschaftlichen Basis nachprüfbaren Angaben zur Mortalität liefert. Infolge dieser Tatsache müssen die Daten in der zitierten Arbeit und somit bei Pro Wildlife als erfunden eingestuft werden.
Zwei mir bekannte, auf wissenschaftlicher Basis einer direkten Prüfung der Importe am Frankfurter Flughafen durchgeführte Untersuchungen4,5), zeigen ein anderes Bild. Dort wurden Tiere in einem Fall direkt auf dem Flughafen4) und im zweiten Fall beim Auspacken bei einem Importeur5) untersucht. Sie zeigten Verluste im Bereich von 0.15% bei 999 untersuchten Fischsendungen4) bzw. einer Gesamtzahl von 1346 von 907 239 transportierten Fischen. In der zweiten Arbeit5) kommt der Autor zu einem Ergebnis von 935 toten bei einer Gesamtzahl von 71 218 untersuchten Importfischen (1% aus Fischfarmen in Übersee, 1.6% bei Wildfängen) direkt nach der Ankunft. Wichtiger sind jedoch die Daten eine Woche nach der Akklimatisation: Hier steigt die Mortalität leicht auf 1.71% bei den gezüchteten und 2.5% bei den wild gefangenen Fischen.
Das sind deutlich andere Zahlen als die von Pro Wildlife genannten bis zu 70%! Ich hoffe, Ihnen mit diesen Zahlen ein Argument geliefert zu haben, die unsinnigen und erfundenen Daten und vor allem die darauf zurückzuführenden Forderungen von Bundestagsfraktionen kritisch zu sehen. Es ist nicht zu leugnen, dass nach wie vor wenige Tiere auf dem Import sterben. Uns als Verband ist daran gelegen, auch diese niedrigen Zahlen weiter zu verringern, indem der Tierschutz und die Transportbedingungen weiter verbessert werden.
Wir sind deshalb auch sehr daran interessiert, mit Tierschutzorganisationen und Politikern aller Parteien über weitere Verbesserungen im Heimtierbereich zu diskutieren. Aber das sollte auf einer sachlichen und wiss. fundierten Ebene geschehen und nicht auf der Basis von erfundenen Zahlen!
Ich würde mich gerne mit Ihnen und dem tierschutzpolitischen Sprecher Ihrer Fraktion persönlich treffen und Ihnen weitere Informationen zur Situation im Zierfischhandel sowie zur Situation in den Herkunftsländern und zur Verteilung Nachzucht/Wildfang bei Zierfischen zu geben. Ich freue mich auf einen baldigen Terminvorschlag!
Mit freundlichen Grüßen

- Unterschrift -

(Dr. Stefan K. Hetz, VDA-Präsident)

 

 


Literatur:

 

 

 

1.      Pro Wildlife (2012). Wildnis im Wohnzimmer: Ausmaß und Folgen des Wildtierhandels in Deutschland – Warum die Politik endlich aktiv werden muss.

 

2.      Oliveira, S. R., Souza, R. T. Y. B., Nunes, E. S. S., Carvalho, C. S. M., Menezes, G. C., Marcon, J. L., Roubach, R., Akifumi Ono, E. und Affonso, E. G. (2008). Tolerance to temperature, pH, ammonia and nitrite in cardinal tetra, Paracheirodon axelrodi, an amazonian ornamental fish. Acta Amazonica 38 (4): 773-780.

 

3.      Waichman, A. V., Pinheiro, M. und Marcon, J. L. (2001). Water quality monitoring during the transport of Amazonian ornamental fish. In Conservation and management of ornamental fish resources of the Rio Negro basin, Amazonia, Brazil - Project Piaba, (Hrsg. L. N. Chao und P. Petry et al. ), Seite 279-299. MANAUS, AMAZONAS: Editora Universidade do Amazonas.

 

4.      Wohr, A. C., Hildebrand, H., Unshelm, J. und Erhard, M. H. (2005). Aspects of animal welfare and species protection in the international trade of ornamental fish and air transport to Germany. Berliner Und Munchener Tierarztliche Wochenschrift 118 (5-6): 177-185

 

5.     Homuth, M. (2010). Mortalitätsraten im internationalen Zierfischhandel unter Berücksichtigung ausgewählter Wasserparameter. HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN; 134 Seiten.

 

 

 

 

Der VDA-Präsident hat nach dem Zusenden des Briefs mit dem Büro von Herrn Dr. Gebhart Kontakt aufgenommen. Der Brief wurde von Herrn Dr. Gebhart beantwortet.
Er äußerte, dass es in der Tat bedauerlich sei, dass offensichtlich falsche Zahlen Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hätten. Generell sei die CDU auch nicht für ein Verbot bei Haltung und Handel. Es ginge seiner Partei aber darum, bei Haltung und Handel mit lebenden Tieren den Tierschutz, den Artenschutz in den Herkunftsländern, die Tiergesundheit und den Naturschutz auch im Hinblick auf invasive Arten sicherzustellen.
Es wurde von Herrn Dr. Gebhart angeregt, das Thema mit dem tierschutzpolitischen Sprecher der CDU, Herrn Stier, weiter zu vertiefen. Das VDA-Präsidium wird weiter über den Fortgang der Gespräche unterrichten.

 

Bearbeitungsstand:

16.09.2017

Zum Download:

Stand: 01.03.2017

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