Der VDA im Dialog mit der Politik, Teil 3

 

Quelle: vda-aktuell.de

Kaum eine Partei wird so schnell mit den Themen Tier-, und Naturschutz in Verbindung gebracht wie die Grünen. In unserer Serie der Sommerinterviews stellte sich Undinen Kurth den Fragen von Dr. Stefan Hetz.

 

 

B90/Die Grünen: Undine Kurth

 

Undine Kurth ist als tierschutzpolitische Sprecherin von B90/Die Grünen bereits vielen VDA-Mitgliedern zumindest dem Namen nach bekannt. Seit der im Frühjahr 2010 im Zusammenhang mit einer grundsätzlichen Reformierung des Tierschutzgesetzes unter dem Motto „Tierschutz neu denken“ geführten Diskussion ist sie mir auch persönlich bekannt. Wie Herr Goldmann und Herr Süßmair arbeitet Frau Kurth für Ihre Partei im Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz mit.

Das Gespräch fand – da die Sitzung im Plenum in der vorherigen Nacht um 1 Uhr abgebrochen wurde und am Freitagmorgen fortgesetzt werden musste – im voll besetzten Restaurant des Bundestags statt aber ich war schon beim Absprechen des Termins mit dem Büro von Frau Kurth auf mögliche Probleme hingewiesen worden. Frau Künast und Frau Roth machten uns bereitwillig Platz und so konnten wir auf der Grundlage des Antrages der SPD und B90/Die Grünen (Drucksache 17/13712) unsere Standpunkte diskutieren.

Sehr schnell rückten die für uns offenen Fragen aus dem oben genannten Antrag ins Zentrum der Diskussion. Die Definition von kommerziellen Börsen, das Problem von Spontankäufen ohne sich über die finanziellen und zeitlichen Anforderungen bewusst zu sein und dem möglichen Aussetzen von Arten wurden diskutiert. Natürlich wurde auch der Schutz der natürlichen Populationen angesprochen und wir konnten darlegen, dass wir aktiv daran arbeiten, zum Beispiel über neue Erkenntnisse unsere Mitglieder umfassend zu informieren. Als Beispiel wurden hier die Apfelschnecken, die Störe und die Information über durch den Handel gefährdete Tiere genannt. Auch wurde schnell klar, dass weniger die Tierbörsen der organisierten Vereine sondern der kommerzielle unkontrollierte und scheinbar auch unkontrollierbare Tierhandel auf Börsen im Fokus standen.

 

Fragen an Frau Kurth:

 

Dr. Stefan Hetz: Sehr geehrte Frau Kurth, Danke, dass Sie sich nach so wenig Schlaf und während der heute laufenden Abstimmungen im Plenum trotzdem die Zeit genommen haben, mit uns über Natur-, Arten- und Tierschutz zu diskutieren und ein paar Fragen zu beantworten. Kommen wir doch gleich zur ersten Frage. Wie sehen Sie bzw. Ihre Partei die momentane Situation der Tierbörsen in Deutschland?

Undine Kurth: Wir wollen Börsen nicht unter einen Generalverdacht stellen, denn sie stellen eine wichtige Möglichkeit dar, Zuchten gesund zu halten. Aber mich erreichen immer wieder Hinweise und Dokumentationen, die Verstöße gegen das Tierschutzgesetz belegen, besonders bei Wildtierbörsen. Wir denken, dass hier gehandelt werden muss, insbesondere wenn gewerbs- oder geschäftsmäßig mit Tieren gehandelt wird.

Dr. Stefan Hetz: Wie definieren Sie eine geschäftsmäßige, also kommerzielle Tierbörse? Ich frage das vor dem Hintergrund, dass einige unserer Mitglieder so erfolgreiche Züchter sind, dass diese aufgrund ihres Umsatzes ein Gewerbe anmelden müssen und somit ja kommerziell handeln. Sind diese dann auch betroffen?

Undine Kurth: Wir sehen einen Erlaubnisvorbehalt für alle Tierbörsen vor, egal, ob sie kommerzielle Absichten verfolgen oder nicht. Für die Tiere ist es unerheblich, ob sie auf einer kommerziellen oder eine nicht-kommerziellen Börse gehandelt werden, wichtig ist, dass der Tierschutz gewährleistet wird. Das soll dadurch gewährleistet werden, dass jede Börse darauf geprüft wird, ob sie das Wohl der Tiere gewährleisten kann.

Dr. Stefan Hetz: Wie stehen Sie zu den Börsen der im VDA organisierten Vereine, die sich an der ursprünglichen Intention von Börsen, nämlich dem Austausch von überschüssigen Nachzuchten, orientieren? Wir diskutieren ja momentan auch über eine verpflichtende Börsenordnung für die uns angeschlossenen Vereine.

Undine Kurth: Der Austausch von Nachzuchten ist für mich ein legitimer Grund für Tierbörsen, da so eine auch langfristig gesunde Zucht gewährleistet werden kann. Wenn Tiere allerdings nur aus Gewinnerzielungsabsichten gezüchtet und gehandelt werden, um sie an Interessenten abzugeben, die über keinerlei Fachkunde verfügen, so ist das eine mehr als zweifelhafte Motivation. Eine verpflichtende Börsenordnung ist sicherlich ein guter Ansatz, es bleibt aber die Frage, wer die Einhaltung der Vorschriften kontrolliert, durchsetzt oder ggf. sanktioniert. Insofern kommen wir letztlich auch nicht um gesetzliche Regelungen herum.

Dr. Stefan Hetz: Die Vermittlung und der Nachweis einer Sachkunde – Sie gebrauchen dazu den Begriff „Fachkunde“ - im Bereich Tierbörsen aber auch bei Ausstellungen wird ja häufig in direkten Zusammenhang mit der Verbesserung für die Tierhaltung erwähnt. Wie sehen Sie bzw. Ihre Partei die Einführung einer verpflichtenden Sachkundeprüfung für die oben genannten Personenkreise aber auch für andere Heimtierhalter?

Undine Kurth: Wir sehen eine verpflichtende Fachkunde für alle Personen vor, die Tiere halten, züchten und handeln wollen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten bereits vorhanden sind, bevor ein Tier erworben wird. Dabei wird es sicherlich Unterschiede geben, ob über die Haltung von Meerschweinchen informiert wird , oder ob es um Fachkunde für anspruchsvolle Exoten geht. Niemand soll sich bei Verstößen gegen den Tierschutz aber mit dem Satz „Ich wusste ja nicht, …“ herausreden können.

Dr. Stefan Hetz: In Ihrem gemeinsamen mit der SPD gestellten Antrag soll geprüft werden, ob „Schwarze Listen“ oder „Weiße Listen“ geeignet wären, den Handel mit Arten zu kontrollieren. Nun sind „Positivlisten“ bei uns in der Vivaristik ein Reizwort. Allein die Biodiversität der Fische in unseren Aquarien dürfte die der anderen gehaltenen Tierarten zusammen bei Weitem übertreffen. Ist eine Positivliste mit, sagen wir mal 2500 Arten, überhaupt zu verwalten?

Undine Kurth: Die Ausgestaltung einer Positivliste – oder ggf. einer Negativliste? oder auch eine Kombination aus beidem? – ist sicherlich noch zu diskutieren. Dabei werden auch die Fachverbände entsprechend einbezogen werden. Grundsätzlich halte ich den Ansatz einer Positivliste jedoch für geeignet. Damit kann ausgeschlossen werden, dass auf Börsen Tiere ausgestellt und gehandelt werden, von denen wir annehmen müssen, dass sie dort leiden.

Dr. Stefan Hetz: In Ihrem Antrag ist auch vom „Vorsorgeprinzip“ die Rede. Wenn ich recht informiert bin, heißt das, dass der Handel mit einer Art erst mal verboten ist, bevor nicht erwiesen ist, dass die Art kein erwiesenes Potenzial zur Ausbreitung in Europa besitzt. Sehe ich das richtig?

Undine Kurth: Invasive Arten stellen heute eine der größten Bedrohungen für die biologische Vielfalt dar. Wir sind also gut beraten, das Vorsorgeprinzip – so wie Sie es beschrieben haben – zur Anwendung zu bringen.

Dr. Stefan Hetz: Frau Kurth, die Probe aufs Exempel: Sagen Ihnen die Begriffe „Belo Monte“ und „Xingú“ etwas?

Undine Kurth: Ja, soviel ich weiß, handelt es sich um ein brasilianisches Wasserkraftprojekt. Wie bei allen großen Wasserkraftvorhaben ist dies sicherlich mit schwerwiegenden Eingriffen auch in die Fischfauna verbunden. Ich weiß, dass Züchter auf die Probleme für manche Arten dort aufmerksam gemacht haben. Es muss alles getan werden, um das Aussterben von Arten infolge großer Energiegewinnungsprojekte zu verhindern.

Dr. Stefan Hetz: Prüfung bestanden. Wie stehen Sie zu unseren und auch Bemühungen anderer Verbände, über die Haltung von geeigneten Tieren in Kindergärten und Schulen, Gedanken des Tierschutzes, des Artenschutzes sowie der Vermittlung von Empathie im Umgang mit Menschen und Tieren zu vermitteln?

Undine Kurth: Umweltbildung halte ich für ein sehr wichtiges Anliegen. Immer mehr Menschen verlieren den direkten Bezug zur Natur. Kinder können im Umgang mit Tieren lernen, Verantwortung für ein anderes Leben zu übernehmen. Die von Ihnen angesprochenen Bemühungen sollten daher noch mehr gefördert werden als bisher.

Dr. Stefan Hetz: Eine letzte Frage. Der VDA als Verband ist bisher wenig in direkten Kontakt mit politischen Parteien getreten. Für wie wichtig sehen Sie den Dialog mit uns als vivaristischen Halterverband in der aktuellen Diskussion um Tierschutz bei Heimtieren an?

Undine Kurth: Ich halte solche Kontakte für unverzichtbar. Ein Austausch mit Verbänden wie dem VDA ist für die fachliche Fundierung unserer politischen Arbeit wichtig und wir freuen uns, über jedes Angebot zum Dialog und jede Zusage, zu einer Gesprächseinladung, die wir aussprechen.

Dr. Stefan Hetz: Frau Kurth, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bearbeitungsstand:

16.09.2017

Zum Download:

Stand: 01.03.2017

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