Die Geschichte der Stadt Weingarten

(Baden-Württemberg)

 

 

Altdorf

 

Bis 1865 wurde der Name Weingarten nur für das Kloster Weingarten verwendet, die umgebende Ortschaft hieß Altdorf. Der Name wird vom altgermanischen Kultwort alach für „Heiligtum, Tempel“ hergeleitet[2], es handelte sich also um einen Ort mit/bei einem Heiligtum.

 

Altdorf war (vermutlich unter dem Namen Alachdorf) schon im frühen 5. Jahrhundert von Alamannen besiedelt. Aus der Merowingerzeit stammt das Gräberfeld von Weingarten, das annähernd vollständig untersucht werden konnte. Der Kern des Gräberfelds und der Martinsberg bilden eine West-Ost-Achse, weshalb zu vermuten ist, dass das alamannische Heiligtum sich auf dem Martinsberg befand[3]. Die Funde lassen durch ihren Reichtum auf einen alamannischen Herrensitz schließen. Spätestens im 8. Jahrhundert wurde Altdorf wie das ganze alamannische Gebiet Teil des Fränkischen Reichs. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts kam das mittlere Schussental als Grafschaft Schussengau in Besitz des schwäbischen Zweiges der Welfen (ursprünglich Franken aus dem Maas-Mosel-Raum[4]), die in Altdorf gegenüber dem Martinsberg eine Pfalz errichteten, ihre neue Stammburg.

 

Im ersten Drittel des 10. Jahrhunderts wurde auf dem heutigen Gebiet des Kreuzbergfriedhofes eine romanische Kirche erbaut, die später im romanisch-gotischen Stil umgebaut wurde.

 

Um 935 gründeten die Welfen in Altdorf ein Frauenkloster, das als Grablege (Familiengrab) ihres Geschlechts bestimmt war, aber bereits 1053 durch einen Brand zerstört wurde. Die Nonnen wurden zunächst auf den Martinsberg umgesiedelt.

 

1056 gründete Welf IV. nach der Verlegung der Burg ins benachbarte Ravensburg auf dem Martinsberg ein neues Benediktinerkloster, das mit Mönchen aus Altomünster besiedelt wurde; die Altdorfer Nonnen besiedelten im Gegenzug das Kloster Altomünster.

 

Im Jahre 1094 schenkte Judith, die Gattin Welfs IV., dem Kloster die Heilig-Blut-Reliquie. Neben den vielen anderen Schenkungen fand die Reliquie wenig Beachtung. Erst 1182, zur Weihe der romanischen Basilika, wird sie besonders erwähnt.

 

Um 1122 wurde vermutlich Friedrich I. Barbarossa auf der Haslachburg im Lauratal geboren. Der Name Kloster Weingarten ist um 1123 belegt. Die Mönche beschäftigten sich u. a. mit der Buchmalerei, ihr berühmtestes Werk ist das Berthold-Sakramentar (1217, heute in der Pierpont Morgan Library in New York). In der Ortschaft Altdorf entwickelte sich ab dem 13. Jahrhundert ein Markt. Unter König Rudolf von Habsburg wurde die Entwicklung zu einer Stadt aber durch Errichtung der Landvogtei Oberschwaben (später Landvogtei Schwaben) gehemmt, deren Sitz zunächst im benachbarten Ravensburg war, nach Zerstörung der dortigen „Veitsburg“ im Dreißigjährigen Krieg 1647 aber nach Altdorf verlegt wurde. Die Landvogtei wurde zumeist an Fürsten oder Adlige verpfändet, darunter die Reichstruchsessen von Waldburg. In einer kaiserlichen Urkunde von 1377 wurde Altdorf zwar das Recht auf einen regelmäßigen Wochenmarkt gewährt, der allerdings bestehende Märkte innerhalb einer Meile (7,4 km) – und damit den Ravensburger Markt – nicht gefährden durfte. Auch eine Stadtbefestigung wurde untersagt. Die Nachbarstadt Ravensburg zog in dieser Zeit als Freie Reichsstadt zahlreiche Einwohner aus Altdorf an, darunter die späteren Ravensburger Handelsfamilien und Patriziergeschlechter Holbein und Humpis.

 

 

Bau der Barockbasilika

 

Das Kloster Weingarten wurde dagegen 1274 zur Reichsabtei erhoben und erwarb im Laufe der Zeit großen Landbesitz vom Allgäu bis zum westlichen Bodensee. Dieser Besitz umfasste zuletzt 306 km², damit war Weingarten nicht nur eines der reichsten Klöster in Süddeutschland, sondern regierte auch größere Gebiete als die meisten Reichsstädte. Da die von Judith von Flandern im Jahre 1094 überreichte Heiligblutreliquie immer mehr Pilger anlockte, brauchte das Kloster Weingarten ein neues Gotteshaus. Die alte romanische Kirche war zu klein. Man wollte sie ersetzen, um noch mehr Pilgern die Chance zu geben, die Heilig-Blut Reliquie zu bewundern und um der kostbaren Gabe einen neuen, noch größeren und prunkvolleren Platz zu bieten. Außerdem wollte man mit der Basilika, wie es im Barock so üblich war, nach außen hin zeigen, was man für eine Macht besitzt und dies ist mit dem Bau der Basilika eindrucksvoll gelungen. Im Barock war man nämlich der Auffassung, dass vornehme Abkunft und Tüchtigkeit einem Fürsten noch keine Hoheit und Größe verschaffen. Daher verleiht die Großartigkeit und die Prachtentfaltung einem fürstlichen Hof den größten Anschein und Schmuck der Herrlichkeit (Macht). Dazu verschafft es ihm größeren Gehorsam und tiefere Achtung bei seinen Untertanen. Dies war auch der Grund der Weingärtner Mönche, die eine großartige Erneuerung ihres Klosters ins Auge fassten. Dazu kamen dann noch geistlich religiöse Gründe. Der barocke Neubau sollte zum größeren Ruhme Gottes auch dem Stolz der Weingartner Mönche über die erfolgreiche Klosterreform Ausdruck geben. Siegreich hatte Weingarten die Entfremdung von der Benediktsregel, klösterliche Misswirtschaft, Verweltlichung und die Herausforderung der Reformation überwunden. Am 10. September 1724 konnte der Fürstbischof von Konstanz, Johann Franz Schenk von Stauffenberg die Kirche feierlich einweihen. 10 Tage gingen die Feierlichkeiten in Altdorf.

 

Doch wenn man die heutige Klosteranlage mit dem damaligen Bauplan vergleicht, so fällt auf, dass der Plan wohl nicht ganz umgesetzt werden konnte. Im Norden der Anlage konnte nur der Schlossbau unter der Leitung von Franz Schmutzer vollendet werden. Doch als man weiterbauen wollte, erhob die Landvogtei Anzeige bei der Innsbrucker Regierung und diese leitete einen Baustopp ein. Der Grund für die Anzeige war, dass scheinbar der Neubau das Klostergebiet verlassen wurde. Auch waren die Kosten für den Bau der Basilika sehr hoch, so dass das Kloster hoch verschuldet war und kein Geld mehr hatte. Aber auch der Franzosenkrieg oder die Säkularisation erschwerten die Bauarbeiten. Wegen dieser Gründe ist auch heute noch im Südbereich des Klosters, der mittelalterliche Kreuzgang und Gebäude vorhanden. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1802 aufgelöst und zunächst Besitz des Hauses Oranien-Nassau.

 

Altdorf selbst war ab 1452 Teil der habsburgischen Verwaltungseinheit Vorderösterreich und blieb bis 1805 Sitz der Landvogtei Schwaben, als es nach dem Pressburger Frieden zum Königreich Württemberg kam und zunächst Sitz eines Oberamtes wurde. Auch das Kloster Weingarten wurde 1806 durch Napoleon seinem Verbündeten Württemberg zugeschlagen. 1810 kamen Altdorf und Weingarten zum Oberamt Ravensburg. Auch die Stellung als Landvogtei verlor Altdorf-Weingarten 1817 im Zuge einer neuen Verwaltungseinteilung.

 

Als 1847 die Eisenbahnstrecke Friedrichshafen-Ravensburg eröffnet wurde, die 1849 nach Norden fortgeführt werden sollte, war der Schultheiß Adolf Prielmayer ein vehementer Gegner einer Anbindung Altdorfs. Dass die Strecke nun in großem Abstand am Ort vorbeiführte, verziehen ihm insbesondere die Gewerbebetreibenden nicht. Dies führte im Rahmen der Deutschen Revolution von 1848/49 zu vehementen Protesten der Bevölkerung gegen den königstreuen und stark konservativen Prielmayer.[5]

 

 

Weingarten

 

1865 wurde Altdorf nach dem Namen der Abtei in Weingarten umbenannt und zur Stadt erhoben. 1922 wurde in einem Teil der Klostergebäude wieder eine Benediktinerabtei gegründet.

 

Wie in der Nachbarstadt Ravensburg entwickelte sich auch in Weingarten eine bedeutende Maschinenbauindustrie.

 

1868 erhielt Weingarten seine erste Kaserne und wurde Standort der württembergischen Armee. Zwischen 1898 und 1918 war es Garnison für das Infanterie-Regiment 124, dem der spätere Generalfeldmarschall Erwin Rommel bis 1916 angehörte.

 

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde Weingarten zum 1. April 1939 nach Ravensburg eingemeindet. Die rivalisierenden Nachbarstädte wurden allerdings nach Kriegsende wieder getrennt, ab dem 1. April 1946 war Weingarten wieder selbständig.

 

Seit 1949 dient der größte Teil der ehemaligen Klostergebäude der Lehrerausbildung (seit 1962 als Pädagogische Hochschule). Ein Teil des Hauptgebäudes ist von der Diözese Rottenburg-Stuttgart für die Katholische Akademie gepachtet, eine Einrichtung der Erwachsenenbildung, ein weiterer Teil durch das Benediktinerkloster belegt.

 

Bestrebungen zu einer erneuten Verbindung mit Ravensburg während der Gemeindereform der 1970er Jahre stießen auf massive Gegenwehr der Weingartener Bevölkerung und wurden darum nicht verwirklicht. Die Einwohnerzahl überschritt 1973 die Grenze von 20.000; daraufhin stellte die Stadtverwaltung den Antrag auf Erhebung zur Großen Kreisstadt, was die Landesregierung von Baden-Württemberg mit Wirkung vom 1. Januar 1974 beschloss.

 

 

2004 fanden in Weingarten die Heimattage Baden-Württemberg statt. In Verbindung mit dieser Veranstaltung wurde im Rahmen der Stadtsanierung der Stadtgarten eingeweiht.

 

2007 bekam die Stadt Weingarten den Stadtmarketingpreis Baden-Württemberg für die innovativste Online-Idee. Anlass hierfür war die Online-Videothek auf der Internetseite der Stadt, auf welcher sich die Stadt mit Kurzfilmen über Weingarten präsentiert. So können die Internetnutzer zahlreiche Videos zum Blutritt, Schüler- und Heimatfest oder der Fasnet ansehen.

 

Der Landesfeuerwehrtag Baden-Württemberg wurde 2008 von den Feuerwehren aus Ravensburg und Weingarten durchgeführt.

 

Im September 2009 gab das Benediktinerkloster die Schließung wegen Nachwuchssorgen bekannt. Die fast 1000-jährige Geschichte des Klosters geht damit zu Ende. Am 16.Oktober 2010 wurde das Kloster geschlossen und die Mönche verabschiedeten sich mit einem Gottesdienst aus Weingarten.[6]

 

 

 

(3)   Norbert Kruse (Hrsg.): Weingarten. 1992. ISBN 3-924489-61-0. S. 86

(4)   J.Fleckenstein: Über die Herkunft der Welfen. S. 105-107

(5)   Revolution im Südwesten – Stätten der Demokratiebewegung 1848/49 in Baden-Württemberg. Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft hauptamtlicher Archivare im Städtetag Baden-Württemberg. 2. Auflage. Info Verlag, Karlsruhe 1998, ISBN 3-88190-219-8, Seite 709 u. 710

(6)   Kloster Weingarten: „Mir sind die Tränen gekommen“. SWR.de. 5. Oktober 2009. Abgerufen am 2. Mai 2010.

 

 

Quelle: Wikipedia

Bearbeitungsstand:

16.09.2017

Zum Download:

Stand: 01.03.2017

stets aktuell: